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Er kam in Erfüllung der Prophetie

Teil 2 von 2

Pfarrer Dr. John C. Lawrenz

Erstmals vorgetragen auf einem Symposium am Dr. Martin Luther College, 1993 · Teil 1 · Teil 2

Wir glauben an Jesus Christus, Gottes eingebornen Sohn, unsern Herrn. Der Gott der Prophetie ist die Gottheit, die sich selbst bestimmt, der „Ich werde sein, der ich sein werde“. Als solcher ist er der, von dem es heißt: „HERR [hebr. Jahwe], HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde, aber ungestraft lässt er niemand“ (Ex 34,6f.). Das Alte Testament bestätigt dies. Vergebung, Leben und Seligkeit kommen in Israel allein aus Gnade, obwohl Versagen und Abfall allgegenwärtig waren. Die Erben der Patriarchen kamen unverhofft zu ihrem Erbe. Isaak wurde Eltern geboren, die über das Alter hinaus waren, Kinder zu bekommen (Hebr 11,11). Jakob war der jüngere Zwilling (Gen 25,23). Juda war ein vierter Sohn (Gen 29,35) und ein Taugenichts (Gen 38). Judas Erbe entstammte einer blutschänderischen Verbindung (Gen 38,30). In einem geschichtlichen Ereignis nach dem anderen sehen wir den Grundsatz soli Deo gloria. Gottes Befreiung Israels aus Ägypten folgte einem Plan, an den nur Gott glaubte. Israel murrte, Mose gab auf, doch Gott hielt daran fest (Ex 5). Ebenso folgte Josuas erster großer Sieg in Kanaan, die Einnahme Jerichos, einem Schlachtplan, der aller herkömmlichen militärischen Klugheit widersprach (Jos 6). Er verlangte ein Vertrauen gegen alle Vernunft. Israel sollte die Stadtmauern niederschreien, nachdem es sechs Tage lang einmal täglich und am siebten Tag siebenmal schweigend um die Stadt gezogen war. Und doch gelang es. Die Ehre für Israels Sieg über Jericho gebührte zu 100 % dem Herrn. Andere „dem Rachen der Niederlage entrissene Siege“, etwa die Niederlage Sanheribs in den Tagen König Hiskias (2. Kön 19), nehmen die universalen Taten der Gnade und des Gerichts vorweg, die das erste und das zweite Kommen unseres Herrn Jesus Christus vorabbilden. Die Errettung allein aus Gnade ist das Thema der Paulusbriefe, besonders des Römer- und des Galaterbriefs.

Gericht wurde Israels Los, wenn Israel die Gnade beiseiteschob. Man denke an das Heer Israels bei Horma. Der Herr hatte sein Volk zu vierzig Jahren Wüstenwanderung verurteilt, weil es sich geweigert hatte, auf der Seite des Herrn zu kämpfen und Kanaan zu erobern. Als sie es sich anders überlegten, wurden sie vernichtend geschlagen (Num 14,44f.). Man denke an den lästerlichen Gebrauch der heiligen Lade als Glücksbringer durch die Söhne Elis (1. Sam 4). Er führte zur Zerstörung des ersten Heiligtums in Silo (Jer 7,12–14). Man denke daran, wie das abtrünnige Juda in den Tagen Jeremias Jerusalem und den Tempel für unantastbar hielt (Jer 4,10; 8,11) und wie Hesekiel in einer Vision sah, wie die Herrlichkeit Gottes das Haus Gottes verließ (9,3; 10,18; 11,23).

Wir glauben an Jesus Christus … der empfangen ist vom Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria. Die Geburt erschien schon im Garten Eden als Tor des Heils. Dort verhieß Gott ein Ende der Tyrannei der Sünde und ihres Urhebers durch den Nachkommen einer Frau. Das erste Evangelium, Genesis 3,15, ist bemerkenswert. Der Herr kleidete seine Botschaft in eine Sprache, die vollkommen der Welt Adams und Evas entsprach. Hätte der Herr Begriffe wie Bethlehem, Golgatha, Josefs Grab oder auch nur Jesus gebraucht, wären diese Worte für Adam und Eva bloße Laute gewesen. Schlangenbiss und das Zertreten eines Schlangenkopfes dagegen waren Erfahrungen, mit denen Adam in einer gefallenen Welt konfrontiert sein würde. Adam und Eva würden die gefährliche, aber nicht zwangsläufig tödliche Macht des Giftes sehen. Zugleich lernten sie, wie ein zermalmender Schlag auf den Kopf eine Schlange mitten im Gleiten zur Strecke bringen kann. So gleicht Genesis 3,15 einem großen Teil der alttestamentlichen Prophetie: Gott gebrauchte Begriffe und Vorstellungen, die die Menschen ihrer Zeit verstehen konnten, wohl wissend, dass die Augen des Glaubens die Wirklichkeit sehen würden, wenn sie schließlich käme.

Über Generationen hinweg waren Geburten ein greifbarer Beweis für Gottes Verheißung. Durch Abrahams Nachkommen sollten alle Völker auf Erden gesegnet werden (Gen 12,3). Gott sagte David, dass ein Nachkomme aus seiner Familie an die Stelle von Davids Wunsch treten würde, dem Herrn ein Gotteshaus zu bauen (2. Sam 7,11–16). Jesajas Reis (11,1) aus dem abgestorbenen Stumpf Isais in Juda war Jesajas Wunderkind (9,5f.) und der Sohn der Jungfrau, den er von ferne sah (7,14). Micha sagte, dieses Kind werde als Säugling in Bethlehem zur Welt kommen (5,1). Wegen ihrer Bedeutung war die Geburt der höchste Segen einer Frau. Umgekehrt war Unfruchtbarkeit ein Kreuz, das getragen werden musste. Mit der Geburt kam die Hoffnung, dass das Gegenmittel gegen den Tod nahe sei. Der goldene Faden, der sich durch das ganze Alte Testament zieht, ist dies: Gott würde von Ewigkeit her einen Sohn empfangen lassen, um die Menschheit zu retten. Eva glaubte es. Jesaja verhieß es. Maria erfuhr es.

Selbst die Stiftshütte und ihr Nachfolger, der Tempel, verkündigten die Menschwerdung. Gott ist überall gegenwärtig, wie Salomo in seinem Tempelweihgebet erklärte (1. Kön 8,27). Doch Gott sagte seinem Volk, es werde auch einen bestimmten, von ihm erwählten Ort geben, an dem er seinen Namen offenbaren werde (Dtn 12,5). Die Stiftshütte, ein Zelt, erfüllte diesen Zweck von den Tagen Moses bis zum Tod Elis. Das Zelt war schon seit der Sintflut mit Gottes Verheißung verbunden. Damals hatte Noah prophetisch in die Zukunft geblickt. Er sah Gottes Segen in den Zelten Sems wohnen, in deren Schatten die übrigen Zweige der Menschheit Segen finden würden (Gen 9,27).

Das Heiligtum von Salomo bis Christus war ein gemauerter Bau, der Tempel in Jerusalem. Ob bewegliches Zelt oder fester Bau: Zum Heiligtum gehörte ein Vorhof zum Waschen und Opfern. Als Teil der vollen Offenbarung seiner Gnade im Neuen Testament stiftete Jesus Sakramente, das eine des Waschens, das andere seines Leibes und Blutes. Jesus verglich seinen Leib mit dem Heiligtum (Joh 2,19–21) und wurde von den Juden beschuldigt, er habe gedroht, den Tempel in Jerusalem abzubrechen (Mk 14,58). Im ersten Kapitel seines Evangeliums spricht der Apostel Johannes davon, dass das Wort eine Zeit lang unter seinem Volk „zeltete“ (Joh 1,14). Das Zerreißen des Tempelvorhangs beim Tod Jesu bedeutete das Ende des irdischen Heiligtums als Abbild der Einwohnung Gottes (vgl. Mt 27,51 und Hebr 10,20).

Wir dürfen sogar die Ausstattung im Innern des Heiligtums als bedeutungsschwer betrachten. Das Heilige im Innern des Heiligtums enthielt einen Leuchter und einen Schaubrottisch. Jesus nannte sich selbst das Brot des Lebens (Joh 6,31–35) und das Licht der Welt (Joh 8,12; 9,5). Die Bundeslade im Allerheiligsten enthielt drei Gegenstände: Manna, zwei steinerne Tafeln und den Stab Aarons (Hebr 9,4). Der Krug mit Manna erinnert an Gottes fürsorgende Bewahrung in der Wüste. Auf den steinernen Tafeln stand das Wort Gottes geschrieben, das Gott seinem Propheten Mose gegeben hatte. Aarons Stab war dort, weil Gott ihn gebraucht hatte, um Aarons Rechtmäßigkeit als des Erwählten zu bestätigen, der Opfer für die Sünde darbringen sollte. Jesus ist der Christus, der „Gesalbte“. Als solcher ist er der fürsorgende König, das prophetische Wort und der, der als vollkommener Hoherpriester der Menschheit das genugtuende Opfer dargebracht hat. Auf den Deckel der Lade wurde das Blut der Versöhnung gesprengt. Durch das Blut Jesu werden Gott und die Sünder versöhnt (Röm 3,25; 5,10).

Wir glauben an Jesus Christus … der … gelitten unter Pontius Pilatus. Nichts in der Prophetie reicht an das heran, was der Heilige Geist Israel über das Leiden Christi offenbarte. Die Psalmen 41 und 55 sprechen von dem, der ihn verriet. Jesaja 53 beschreibt die Tiefe der Erniedrigung Christi im Tod. Psalm 22 gibt uns genau die Worte, die Jesus sprach, als er am Kreuz die Qualen der Hölle erlitt.

Zu diesen direkten Weissagungen kommt die reiche prophetische Bildsprache der Opfer hinzu. Jedes Lamm, jeder Bock und jeder Stier, dessen Blut vergossen wurde, nahm das Opfer Jesu vorweg. Das alttestamentliche Opferritual schrieb eine Reihe von Handlungen vor. Die Opfergabe musste an einen von Gott bestimmten Ort gebracht werden. Durch das Auflegen der Hände wurde sie zum stellvertretenden Ersatz. Ein Opfer erforderte den Tod. Es betonte das Sprengen des Blutes zur Sühne. Ein Teil wurde vom Feuer verzehrt. Die Bedeutung dieser Handlungen ist gewichtig. Jesus und Jesus allein ist das von Gott erwählte Opfer. Er ist unser Stellvertreter. Nichts Geringeres als sein Tod konnte als Bezahlung für die Sünden genügen. Sein Blut bedeckt uns. Von Jesus sagt Paulus: „Den hat Gott für den Glauben hingestellt zur Sühne in seinem Blut“ (Röm 3,25) und „… wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch“ (Eph 5,2).

Die blutigen Opfer des Alten Testaments bezahlten die Sünde nicht wirklich. Sie wurden für unabsichtliche Sünden dargebracht, die Gläubige in einem Augenblick der Schwäche begangen hatten (Lev 4,1). Gläubige brachten Opfer dar, weil sie der Gewissheit bedurften, dass ihre Schwachheitssünden sie nicht von Gott oder von der Gemeinde Israels abschneiden würden.

Die vier blutigen Opfer werden in Levitikus, Kapitel 1 bis 7, behandelt. Opfergaben wurden gewöhnlich paarweise dargebracht. Das Sündopfer bekannte, dass eine bestimmte Sünde die Beziehung zwischen einem Sünder und Gott bedrohte. Es wurde gewöhnlich von einem Brandopfer begleitet. Indem es ganz verbrannt wurde, verkündete das Brandopfer die völlige Vergebung, die Gott schenkt. Das Schuldopfer wurde dargebracht, wenn jemand bekannte, dass er gegen seinen Nächsten gesündigt hatte. Es war gewöhnlich mit einem Gemeinschaftsopfer verbunden, von dem ein Teil auf dem Altar verzehrt und ein Teil in einem Versöhnungsmahl geteilt wurde. Jedes Lamm, jeder Bock und jeder Stier, dessen Blut vergossen wurde, nahm das Opfer Jesu vorweg. Der Große Versöhnungstag erfüllte sich darin, dass Jesus sein heiliges, teures Blut sprengte, um ein für alle Mal der Gerechtigkeit des heiligen Gottes genugzutun, der zugleich seine rechtfertigende Liebe erklären wollte. Nach Gottes Willen „sind wir geheiligt ein für alle Mal durch das Opfer des Leibes Jesu Christi“ (Hebr 10,10).

Wir glauben an Jesus Christus … der … niedergefahren zur Hölle, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren gen Himmel, sitzend zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters, von dannen er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten. Die Erhöhung Jesu, der freiwillig alles hingegeben hatte, um die Menschheit zu retten, wird bei den Propheten vielfältig vorabgebildet. Fast ausnahmslos sagen sie für die letzten Tage eine Wende voraus, manche in schlichter, unmissverständlicher Sprache, andere in gewaltigen Visionen. Ein gedemütigtes Israel wird wiederhergestellt werden. Verdorrte Gebeine werden leben (Ez 37). Kriege werden aufhören (Jes 2,4; Mi 3,4). Der Tod wird seinen Stachel verlieren (Hos 13,14, zitiert in 1. Kor 15,55). Die Gefangenschaft wird gefangen geführt (Ps 68,19, zitiert in Eph 4,8). Der Herr wird in die Höhe auffahren (Ps 68,19; Apg 1,11). Gott wird unter seinem Volk herrschen (Sach 9,9–13; Mt 21,5). Die dem Herrn gehören, werden ihre Ruhe finden (Jer 50,34; Mt 11,28).

Der vorstehende Überblick über Weissagungen und prophetische Themen ist nur ein Überblick, doch er vermittelt eine Vorstellung davon, wie umfassend der Herr Jesus Christus vorhergesagt und vorabgebildet wird. Einige der oben genannten Punkte sind Weissagungen, die das Neue Testament als solche ausweist. Andere nicht. Diesen Letzteren gelten die folgenden Abschnitte. Wie weit darf ein Ausleger gehen, wenn er Christus im Alten Testament sieht?

Gott erteilte Israel eine gründliche Lektion zum Thema Ruhe. In die Zehn Gebote war das göttliche Gebot eingebettet, am siebten Tag zu ruhen (Ex 20,8–11; Dtn 5,12–15). Das siebte Jahr war ein Ruhejahr für Felder, Obstgärten und Weinberge (Lev 25,1–7). Es war auch eine Zeit, Sklaven freizulassen und Schulden zu erlassen (Ex 21,2; Dtn 15,1–15). In dem Jahr, das auf jedes siebte Sabbatjahr folgte, also im fünfzigsten Jahr, fiel der ererbte Grundbesitz an seine Eigentümer zurück (Lev 25,13). Sabbat bedeutet Ruhe. Jesus erfüllt den Sabbat nach dem Hebräerbrief (4,1–13) durch die Gabe des ewigen Lebens.

Doch wie steht es mit der Ruhe im siebten Monat? Ist es legitim, in den Festen des siebten Monats dieselbe Ruhe zu sehen, von der der Hebräerbrief spricht?

Unser Vorgehen wird sein, vom Bekannten auszugehen, um zu einer Antwort auf unsere Frage zu gelangen. Wir beginnen mit dem Passa, dem großen Fest des ersten Monats. Das Neue Testament behandelt das Passafest recht ausführlich als erfüllte Weissagung. Paulus bezeichnete Jesus als das geschlachtete Passalamm (1. Kor 5,7). Der Apostel Johannes vermerkt, dass der Tod Jesu auf das Passa fiel (Joh 13,1). An zwei aufeinanderfolgenden Tagen erkannte Johannes der Täufer in Jesus Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt (Joh 1,29.36). Mit Worten, die an die Beschreibung des Passalamms in Exodus 12,5 anklingen, sagte Petrus: „Ihr wisst, dass ihr … erlöst seid … mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes“ (1. Petr 1,18f.). In Erinnerung an das Weben der Erstlingsgarbe der Getreideernte vor dem Herrn am Tag nach dem Sabbat, der auf das Passa folgte (Lev 23,9–14), nennt Paulus Jesus den „Erstling unter denen, die entschlafen sind“ (1. Kor 15,20). Paulus erwartet, dass die Auferstehung Christi die Seinen befähigen wird, ebenfalls aufzuerstehen (1. Kor 15,23). Zudem feierte Jesus am Gründonnerstag mit seinen Jüngern das Passa auf eine Weise, die nur als Erfüllung verstanden werden kann. Brot und Wein des Passamahls wurden von Jesus dazu geweiht, Zeichen eines neuen Bundes zu sein. Diese Passaspeisen sollten die äußeren Zeichen sein, in, mit und unter denen die Gläubigen den Leib und das Blut empfangen, die zur Vergebung der Sünde der Menschheit dargebracht wurden. Das Passa war überdies ein Siegesfest. Das Passaopfer in Ägypten hatte den Todesengel abgewendet. Es kündete die Befreiung aus der Sklaverei an. Der Tod Jesu als das erfüllte Passaopfer nahm den Sieg über den Tod am dritten Tag vorweg. Die Auferstehung Christi ermöglichte Gottes Erklärung der Freiheit von der Sünde. Er ist „um unsrer Sünden willen dahingegeben und um unsrer Rechtfertigung willen auferweckt“ (Röm 4,25).

Das Passa war das erste von drei Wallfahrtsfesten, an denen jeder erwachsene Mann in Israel vor dem Herrn erscheinen musste (Ex 23,14–17). Es war so wichtig, dass Gott den hebräischen Vätern gebot, ihre Kinder in seiner Bedeutung zu unterweisen (Ex 12,26f.). Jahr für Jahr erzählten die Väter ihren Kindern, wie Gott Mose und Israel mit mächtiger Hand und ausgestrecktem Arm aus der Knechtschaft in Ägypten geführt hatte. Jesus, Johannes der Täufer und Paulus lernten diese Lektionen als Kinder gut. Sie lernten auch das Wallfahrtsfest fünfzig Tage nach dem Passa kennen, das das Ende der jährlichen Getreideernte markierte (Lev 23,15–22; Num 28,26–29) und auf die Gabe der Zehn Gebote am Sinai zurückblickte.12 Die Apostel feierten seine Erfüllung sieben Wochen nach dem Tod und der Auferstehung Jesu. An jenem denkwürdigen Pfingsttag goss der Heilige Geist seine Kraft über ein wiedergeborenes Volk Gottes aus – nicht über ein Volk unter dem Gesetz des Alten Testaments, sondern über ein neues Israel, befreit durch das Evangelium.

Die apostolische Schrift lehrt, dass Passa und Pfingsten in den gewaltigen Ereignissen erfüllt wurden, die das erste Kommen Christi zu seinem triumphalen Abschluss brachten. Was aber ist mit dem dritten Wallfahrtsfest, dem Laubhüttenfest, das in die Mitte des siebten Monats des alttestamentlichen jüdischen Jahres fiel? Was ist mit dieser einwöchigen Feier, die zur Zeit Jesu als „das große Fest“ bekannt war?13 Und was ist mit dem Feiertag, mit dem der siebte Monat begann, dem Posaunenfest? Keiner dieser Tage wird ausdrücklich im Zusammenhang der Erfüllung erklärt, wohl aber der Versöhnungstag, der im siebten Monat zwischen beide fiel.

Was waren diese Feste des siebten Monats in ihrem alttestamentlichen Rahmen? Das Posaunenfest war das wichtigste Neumondfest des Jahres. Mit ihm begann der siebte Monat. An ihm bliesen die Priester die Posaunen (Lev 23,23–25; Num 29,1–6). Der Versöhnungstag, zehn Tage später, war für das Volk ein Tag des Fastens und der Selbstverleugnung (Lev 16,29; 23,27–32). An diesem Tag legte der jüdische Hohepriester seine prächtigen Priestergewänder ab und ging mit dem Blut eines Opfers in das Allerheiligste, um für seine eigenen Sünden und für die Israels Sühne zu erwirken (Lev 16; 23,26–32). Das Laubhüttenfest dagegen war eine einwöchige Festzeit, die am Vollmond des siebten Monats begann. Es markierte die Einbringung der Sommerfrüchte, die trotz des fehlenden Regens in den vorangegangenen sechs Monaten gereift waren. Zum Laubhüttenfest zog man aus dem Familienhaus aus, um in behelfsmäßigen Hütten zu wohnen. Diese provisorischen Behausungen erinnerten an die vorläufigen Unterkünfte, die Israel während der vierzigjährigen Wüstenwanderung vor dem Einzug ins Gelobte Land benutzt hatte (Lev 23,33–43). Das Laubhüttenfest war die Zeit, in der die Könige des Alten Testaments das Gesetz des Mose vorlasen und Neues einweihten (2. Chr 5,3; Neh 8,14–18). Der Prophet Sacharja schließt seine Zukunftsvision damit, dass Menschen aus allen Völkern nach Jerusalem strömen, um das Laubhüttenfest zu feiern (14,16–21).

Im Neuen Testament werden Wahrheiten dargelegt, die an die Feste des siebten Monats erinnern, auch wenn keine von ihnen die Verbindung ausdrücklich herstellt. Unser verheißenes Erbe ist im Himmel (1. Petr 1,3f.). Uns wird gesagt, dass die guten Werke, die wir im Glauben auf dem Weg in unser „Gelobtes Land“ tun, uns nachfolgen werden. Im Himmel werden wir die Früchte unserer von Christus angetriebenen Arbeit genießen. Jesus spricht davon, dass „eure Frucht bleibt“ (Joh 15,16). Dieser Gedanke klingt in der Offenbarung wider. Dort sagt uns Johannes, dass die Werke der Heiligen ihnen in die Ewigkeit nachfolgen (14,13). Doch wir werden unser verheißenes Erbe nur empfangen, wenn wir uns selbst und unser eigenes Tun verleugnen (Mt 16,24; Mk 8,34; Lk 9,23) und uns allein auf das sühnende Blut Jesu verlassen (1. Joh 2,2; 4,10; ferner Röm 3,25; Hebr 2,17). Die Worte der Heiligen am Jüngsten Tag werden nicht selbstgefällig sein (Mt 25,37–39). Die Hoffnung der Heiligen wird das von Jesus vergossene Blut sein. Dieses Blut wird dem Vater in seinem Allerheiligsten von dem gebracht, der zugleich Priester und Opfer ist (Hebr 9,12.24). Der Hebräerbrief zeigt, dass die Sühne Christi bei seinem ersten Kommen vollbracht wurde, und verlagert dann die Wirkung dieser Sühnetat auf das Endgericht: „Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal erscheint er nicht der Sünde wegen, sondern zur Rettung derer, die ihn erwarten“ (9,27f.). Dem rechtfertigenden Gericht wird der Schall der Posaunen vorausgehen (1. Kor 15,52; 1. Thess 4,16), und ihm wird eine Zeit ewiger Feier folgen. Wenn Christus wiederkommt, um die Lebendigen und die Toten zu richten, wird er eine Folge von Ereignissen einleiten, die denen Ruhe bringen, die im Leben an die Kraft seines Todes und seiner Auferstehung geglaubt haben. Als König aller Könige wird er der gesamten Menschheitsgeschichte ihren Sinn geben. An jenem Tag wird er Himmel und Erde und alles, was darin ist, neu gestalten.

Lässt sich nicht sagen, dass die heiligen Tage des siebten Monats im alttestamentlichen Kalender ebenso prophetisch sind wie Passa und Pfingsten? Selbstverständlich! Die Feste des siebten Monats nehmen die vollkommene Ruhe vorweg, die die Gläubigen bei Christi zweitem Kommen erwarten. Sie tun dies auf dieselbe Weise, wie Passa und Pfingsten einst die Ereignisse erfüllten, die die prophetische Offenbarung im Blick auf sein erstes Kommen vorwegnahm. Gott nutzte die Zeiten, die das landwirtschaftliche Jahr in Kanaan einrahmten, um sein Volk an seine vergangenen Liebestaten zu erinnern. Das wissen wir. In gleicher Weise gestaltete Gott die Frühjahrs- und die Herbsternte, um sein alttestamentliches Volk auf seine herrliche Zukunft in Christus vorzubereiten. Bei der Entfaltung der Bedeutung aller drei Feste des siebten Monats ist keine Schriftaussage umgestoßen worden. Die Schrift ist nicht gebrochen worden.

Wenn man mit Sorgfalt vorgeht, steht uns der Weg offen, uns an der Fülle Christi im Alten Testament zu laben. Zugleich muss unsere Begeisterung durch das Wissen gedämpft werden, dass die christliche Kirche durch leichtfertige Auslegung Gewalt erlitten hat.

Die Ostkirche wurde stark von dem Kirchenmann Origenes aus dem dritten Jahrhundert und der Auslegungsschule mit ihrem Zentrum in Alexandria in Ägypten beeinflusst. Origenes machte die Schrift den gelehrten Meinungen seiner Zeit passend. Er kann als Vater aller modernen Versuche gelten, die Schrift zu zwingen, sich menschlicher Weisheit anzupassen. Origenes nahm Anstoß an der Schrift, wo sie das Leben mit all seinen Schattenseiten schilderte. Für scheinbare Widersprüche im Text hatte er keine Geduld. Weder derber Realismus noch nachlässige Berichterstattung waren des göttlichen Geistes würdig. Infolgedessen redete Origenes sich und seinen Anhängern ein, jenseits der klaren Aussagen der Schrift einen tieferen Sinn zu sehen. Bald war es in Mode, hinter jeder Stelle, besonders im Alten Testament, mehrere Ebenen verborgenen Sinnes zu sehen. Der einfache, wörtliche Sinn der Schrift wurde zugunsten symbolischer, bildlicher, moralisierender und mystischer Deutungen beiseitegeschoben.

Manches davon drang auch in die westliche Kirche ein. Dort brachte jedoch nicht die Philosophie die Auslegung vom Weg ab, sondern die Tradition. Vielbeschäftigte, überlastete Kirchenmänner verließen sich mehr und mehr auf fromme Meinungen. Diese wurden von angesehenen kirchlichen Autoritäten gesammelt und weitergegeben. Die Tradition entwickelte sich zum kanonischen Recht, als die vom Römischen Reich geschaffene politische Stabilität zerfiel und das entstandene Vakuum von der Unordnung und Unwissenheit des Mittelalters ausgefüllt wurde. Zu Luthers Zeit war die Schrift zur Gefangenen der Kirche geworden. Die mittelalterliche Kirche hatte ihre überlieferten Lehren. Sie ging zur Bibel, um Belege dafür zu finden, statt umgekehrt.

Luther richtete den Blick der Gläubigen auf die Autorität der Schrift selbst. Die Bibel allein habe die Kraft, sich selbst auszulegen, erklärte Luther. Der einfache Sinn der Worte in ihrem Zusammenhang müsse ernst genommen werden. Weil die wahre Kirche denen gehörte, die sich an Wort und Sakrament sättigten, erwartete Luther, dass wohlgenährte Herzen vom Heiligen Geist geleitet würden, die Wahrheit richtig und besonnen zu bekennen. Mit der Schrift gewappnete Laien, so glaubte er, seien mächtiger als Päpste und Konzilien. In jeder Hinsicht führte Luther die Menschen, die ihre Bibel lasen, zurück zum Herrn Jesus Christus, nicht zu menschlicher Weisheit oder menschlicher Tradition.

Wo Luther stand, sollten wir stehen. Wir sollten nicht über Luther hinausgehen und die Schrift zu einem systematischen, gewaltsam harmonisierten dogmatischen Gebilde zurechthämmern. Das würde zu totem Orthodoxismus führen. Ebenso wenig sollten wir zulassen, dass ein frommer Wunsch, Menschen zu bessern und eine äußerlich bessere christliche Gemeinschaft zu erzwingen, uns von der mühsamen Aufgabe ablenkt, die Worte und den Zusammenhang der Schrift zu prüfen. Das wäre schaler Pietismus. Wir sollten auch nicht im Gleichschritt mit den modernen Jüngern des Origenes gehen. Sie entmythologisieren und zerlegen, was Gott vor langer Zeit offenbart hat. Statt der Bibel Sinn zu verleihen, lassen sie das Wort leer zurück. Auch sollte die Schrift nicht als religiöses „Überleben des Stärkeren“ betrachtet werden. Die Wahrheit Gottes hat sich nicht aus zusammenhanglosen primitiven Kritzeleien zu einem Wälzer entwickelt, der noch immer der Redaktion bedarf. Vor allem sollten wir, die wir Erben eines konservativen, bekenntnistreuen Erbes sind, nicht nach mittelalterlicher Art dem folgen, was unsere Kirchenmänner sagen, ob richtig oder falsch, nur weil wir zu beschäftigt, zu gehetzt oder zu unwissend sind.

Die Kirchengeschichte kann uns einen sehr guten Grund geben, den einzigartigen Platz zu würdigen, den die erfüllte Prophetie in Gottes Plan einnimmt. Christus im Alten Testament zu finden ist rechtgläubig. Ein Leben lang sorgfältigen Forschens wird jedoch keine vorgefertigten dogmatischen Pakete hervorbringen. Christus im Alten Testament zu finden erfordert die Fähigkeiten eines guten historisch-exegetischen Auslegers. Dennoch wird auch unsere ausgefeilteste Analyse das geheimnisvolle Wirken des Geistes nicht erklären, der die Vernunft niederreißt und den Glauben für das Leben aufbaut. Wenn Christus über die ganze Spanne von 1500 Jahren, die den Propheten Mose vom Apostel Johannes trennt, in übereinstimmender Weise offenbart gefunden wird, dann ist es nahezu unmöglich, die Weisheit eines einzelnen Menschen oder einer einzelnen Generation zum Richter und Geschworenen über die Schrift zu erheben. Unsere Entdeckung Christi im Alten Testament erlaubt es uns ebenso wenig, die Traditionen der sichtbaren Kirche und ihrer Kirchenmänner heiligzusprechen. Der Herr Jesus ist das letzte Wort für die Kirche, nicht umgekehrt.

Ja, der Herr Jesus Christus, wie ihn die Propheten erwarteten und die Apostel verkündigten, ist unser Ein und Alles!

Anmerkungen

12 Pfingsten als Jahrestag der Gabe der Zehn Gebote gehört zur jüdischen Tradition. Israel vollendete den Weg von Ägypten zum Sinai im dritten Monat, „an diesem Tag“ (Ex 19,1). Das Passa fand in der Mitte des ersten Monats statt, sodass zwei Wochen blieben. Zu den zwei Wochen kommen die 28 oder 29 Tage des zweiten Monats. Dann kommen zu „diesem Tag“, mit dem der dritte Monat begann, drei Tage der Vorbereitung hinzu (Ex 19,15). Wenn das Aufschlagen des Lagers vor der Vorbereitung (Ex 19,2) weitere vier Tage in Anspruch nahm, betrug die Zeit zwischen dem ersten Passa in Ägypten und der Gabe der Zehn Gebote 50 Tage (14 + 29 + 4 + 3).

13 Der jüdische Geschichtsschreiber Josephus hielt das Laubhüttenfest für das heiligste und größte der hebräischen Feste, Antiquitates VIII, iv, 1. Jesus ehrte dieses Fest (Joh 7), bei dem mehr Opfer dargebracht wurden als bei jedem anderen Fest (Num 29).

Pfarrer Dr. John C. Lawrenz (1943–2024) begann seinen Dienst als Pfarrer der Zion Lutheran Church in Gainesville, Florida. Anschließend war er Präsident des Michigan Lutheran Seminary und des Dr. Martin Luther College sowie Professor für Altes Testament am Wisconsin Lutheran Seminary. An der Brandeis University erwarb er einen Master-Abschluss und einen Doktorgrad in Fremdsprachen, gefolgt von einem PhD in Mittelmeerstudien. Seinen Dienst beschloss er als Gründungspräsident des Asia Lutheran Seminary in Hongkong, wo er auch lehrte. Er nahm an mehreren bedeutenden archäologischen Ausgrabungen in Israel teil, reiste mit seinen Studenten des Hebräischen und des Alten Testaments nach Israel, verbrachte Sabbatzeiten in verschiedenen Einsatzfeldern der Weltmission und war ein gefragter Redner im gesamten Bereich der CELC. Dr. Lawrenz wurde am 22. September 2024 in die Herrlichkeit heimgerufen.

Die Bibelzitate sind der Lutherbibel, revidiert 2017, entnommen (© 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart).