Artikel

Er kam in Erfüllung der Prophetie

Teil 1 von 2

Pfarrer Dr. John C. Lawrenz

Erstmals vorgetragen auf einem Symposium am Dr. Martin Luther College, 1993 · Teil 1 · Teil 2

Christen haben dies gemeinsam: Sie wissen, dass der Herr Jesus Christus ihr Ein und Alles ist. Sein erstes Kommen gibt allem einen Sinn. Sein zweites Kommen wird jede Frage klären. Von Ewigkeit her hat Gott der Vater das Kommen seines Sohnes geplant. Der Sohn folgte gehorsam dem Drehbuch des Vaters. Gott der Heilige Geist hält die Welt durch menschliche Sprachrohre auf dem Laufenden. Die Apostel bezeugen: „Wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus“ (2. Petr 1,16). Als Augenzeugen geben sie uns die gewissen Tatsachen „von all dem, was Jesus von Anfang an tat und lehrte bis zu dem Tag, an dem er aufgenommen wurde, nachdem er den Aposteln, die er erwählt hatte, durch den Heiligen Geist Weisung gegeben hatte“ (Apg 1,1f.). Dieses apostolische Augenzeugnis ist jedoch nur eines der beiden Zeugnisse, die wir zur Stärkung und Bestätigung unseres Glaubens haben. „Umso fester haben wir das prophetische Wort“ (2. Petr 1,19). Wir haben die erfüllte Prophetie.

Prophetie verkündigt und nimmt vorweg; daher der Merksatz: Propheten sagen an, und Propheten sagen voraus. Wo Prophetie verkündigt, ist sie felsenfest.1 Sie umfasst die großen Wahrheiten von der Sünde des Menschen und der Gnade Gottes. Wo Prophetie dagegen vorwegnimmt, ist sie unvollständig, auch wenn sie ebenso felsenfest bleibt. Prophetie verlangt nach Erfüllung. Bis Jesus geboren wurde, standen sein Leben und Werk unter dem „Noch nicht“. Den Propheten genügte es zu glauben, dass Gottes Liebe, die erst noch in ihrer ganzen Fülle offenbart werden sollte, so gewiss war wie Gottes Dasein selbst.

Doch weder Mose noch Jesaja noch David hatten ein vollständiges Bild. Wenn diese Männer von einem Heiland weissagten, der noch nicht gekommen war, streckte sich ihr Glaube nach ihm aus. Die Propheten sehnten sich danach, ihren Heiland in seiner vollen Offenbarung zu sehen und zu hören. Gott ließ in seiner Weisheit die Sehnsucht der Propheten unerfüllt. Heißt das, dass die Worte der Propheten ätherische, zusammenhanglose Fantastereien waren? Nein. Mose, Jesaja, David und die übrigen Propheten waren keine Tastenden, die nach Strohhalmen griffen. Der Geist Christi war in ihnen am Werk. Die Propheten des Alten Testaments „haben gesucht und geforscht … und haben geforscht, auf welche und was für eine Zeit der Geist Christi deutet, der in ihnen war“ (1. Petr 1,10f.).

Gottes Art der Prophetie war mehr als die Vorhersage eines Meteorologen über das Wetter von morgen. Die Worte eines Propheten wurden an einem einfachen Prüfstein gemessen, der in Deuteronomium 18,14–22 gegeben ist, besonders in den Versen 21 und 22. Traf ein, was ein Prophet vorhergesagt hatte, dann hatte Gott gesprochen. Wurde jedoch eine Botschaft im Namen des Herrn verkündigt und trat nicht ein, dann war Gott nicht mit dem Propheten, und seinen Worten war nicht zu glauben. Im Laufe der Jahre fügte Gott ein Mosaik dessen zusammen, was kommen sollte, eine Weissagung nach der anderen. Schließlich war genug vorhanden, dass Menschen des Glaubens Jesus als den erkennen konnten, der er war, als er kam.

Jesus war selbst ein Prophet. Weil er jedoch der Prophet schlechthin war, unterschied er sich von allen anderen. Wie sie verkündigte er. Anders als sie erfüllte er. Jesus wusste, wer er war und warum er gekommen war. Der Verfasser des Hebräerbriefs sagt uns von Christus: „Darum spricht er, wenn er in die Welt kommt: … ‚Siehe, ich komme – im Buch steht von mir geschrieben –, dass ich tue, Gott, deinen Willen.‘“ (Hebr 10,5.7; zitiert aus Ps 40,7–9). Er war Gott im menschlichen Fleisch, der vollkommene Zeuge, der Gottes vollkommene Liebe offenbart. Er wusste, dass er der Eine war, den die Propheten erwartet hatten. „Ihr sollt nicht meinen“, sagte Jesus, „dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen“ (Mt 5,17). Jesus wollte, dass die Welt erkennt: Er ist die Bestätigung all dessen, was die Propheten geschrieben hatten. Auf dem Weg nach Emmaus heißt es von Jesus, er „legte ihnen aus, was in allen Schriften von ihm gesagt war“ (Lk 24,27). Jesus begann bei Mose und ging alle Propheten durch. Er hatte reichlich Zeit dazu. Der Weg von sieben Meilen (rund elf Kilometern) von Jerusalem nach Emmaus dauerte wohl ein paar Stunden. Am Osterabend erinnerte Jesus den engeren Kreis seiner Jünger daran: „Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose und in den Propheten und Psalmen“ (Lk 24,44). Schon früher hatte er nachdrücklich gesagt: „Wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht“ (Mt 5,18).

Fiel es den Jüngern leicht, Weissagung und Erfüllung zusammenzubringen? Nicht sofort! Jesus tadelte seine Nachfolger, weil sie „zu trägen Herzens“ waren, „all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben“ (Lk 24,25). Wie die Propheten brauchten auch die Apostel den Geist Christi, der ihnen das Verständnis öffnete. Als die Verbindung zwischen der Prophetie und dem Herrn Jesus Christus aber einmal hergestellt war, wurde die Erfüllung der Prophetie zu einer kostbaren und kraftvollen Größe in der apostolischen Lehre. Der Apostel Paulus schrieb: „Denn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben“ (Röm 15,4). Petrus sah in der erfüllten Prophetie „ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort“ (2. Petr 1,19).

Das Neue Testament ist durchsetzt mit Zitaten aus dem Alten Testament und Anspielungen darauf, die Jesus und die Prophetie zusammenbringen. Die Apostel gingen dabei auf unterschiedliche Weise mit dem Alten Testament um. Matthäus und die anderen Evangelisten weisen Dutzende Male mit Einleitungsformeln wie „da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten“ oder „denn es steht geschrieben“ auf Weissagung und Erfüllung hin. Auf diese Worte folgen direkte Zitate. Davon gibt es in den Evangelien und der Apostelgeschichte über vier Dutzend. Petrus und Johannes führten in Apostelgeschichte 4,11 Psalm 118,22 an – „Das ist der Stein, von euch Bauleuten verworfen, der zum Eckstein geworden ist“ –, um dem Hohen Rat eindringlich vor Augen zu führen, was die Juden getan und was Gott daraus gemacht hatte. Stephanus nutzte in Apostelgeschichte 7 die geschichtlichen Erzählungen des Alten Testaments, um sich gegen den Vorwurf zu verteidigen, er stelle sich gegen das Gesetz und den Tempel. Sein Mitdiakon Philippus legte dem Äthiopier Jesaja 53 christuszentriert aus (Apg 8,32f.). Über die direkten Zitate hinaus klingt das Alte Testament im Neuen auch in der Wahl von Wörtern und Wendungen nach. Ein gutes Beispiel sind die Worte vom Himmel bei der Verklärung (Mt 17,5). „Dies ist mein lieber Sohn“ ist Psalm 2,7 entnommen; „an dem ich Wohlgefallen habe“ stammt aus Jesaja 42,1; und die abschließenden Worte „den sollt ihr hören“ stammen aus Deuteronomium 18,15.

Und wir, die wir zwischen dem ersten und dem zweiten Kommen Jesu leben? Wir haben das apostolische Wort als unumstößliches Zeugnis für den Jesus der Geschichte. Unser Glaube, aus dem Wort geboren, wird jedes Mal gestärkt, wenn wir das Zeugnis der Schrift von der Geburt, dem Tod, der Auferstehung und der Himmelfahrt unseres Herrn hören. Wir glauben, obwohl Jesus nicht leiblich bei uns ist, wie er einst bei seinen Jüngern war. Warum glauben wir? Weil der Geist Christi uns überzeugt, dass Jesus für uns gelebt hat, gestorben und auferstanden ist.

Mancher mag einwenden, es habe auch andere gegeben, die eine geistliche Sendung für sich beanspruchten. Auch sie sind geschichtliche Gestalten! Was ist mit Gautama Buddha und Mohammed? Was ist mit Zarathustra und Konfuzius? Was ist mit Joseph Smith und David Koresh? Nichtchristliche Religionen haben Anspruch auf die Seelen der Menschen erhoben – auf der Grundlage der Ethik, des Charismas, des Scharfsinns oder des hohen moralischen Empfindens außergewöhnlicher Menschen, die in der Geschichte von Zeit zu Zeit auftauchen. Das Christentum ist anders. Es ist die wahre Offenbarung des wahren Gottes durch einen wahren Menschen, dessen Kommen von Anbeginn der Geschichte an durch göttlich inspirierte Sprachrohre angekündigt wurde. Der Herr Jesus Christus ist einzigartig. Er ist das fleischgewordene Wort, wie das erste Kapitel des Johannesevangeliums verkündet. Von Menschen gemachte Religionen bestimmen Gott mit menschlichen Worten, gesprochen von menschlichen Zungen. Gott allein bestimmt sich selbst. Er ist der „Ich werde sein, der ich sein werde“ aus Exodus 3,14. Die Weissagungen über das fleischgewordene Wort bereiten die Bühne für das einzigartige Leben Jesu. Das Zeugnis der Apostel schlägt jedem Zweifel an seiner Einzigartigkeit die Tür zu. „Umso fester haben wir das prophetische Wort“, und uns gilt: „Ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort“ (2. Petr 1,19).

Nun aber stellt sich die Frage: Wie achten wir auf die Propheten, wenn sie vom Herrn Jesus Christus reden? Wie halten wir die Lampe der prophetischen Wahrheit am Brennen? Da unsere sündige Natur gegen den Geist Christi in uns streitet, können wir eine bessere Frage stellen: Wie verhüten wir, dass wir das Licht der Prophetie auslöschen?

Wer die Verbindung zwischen den Propheten und den Aposteln missachtet, löscht das Licht der Prophetie aus. Die Schrift ist eine Einheit. Wie die beiden Augen in unserem Kopf sieht jedes Testament Christus. Das eine nimmt vorweg, das andere erfüllt. Zusammen verleihen uns die beiden geistliche „Tiefenwahrnehmung“. Die Weissagungen des Alten Testaments gleichen den Fäden eines großen Wandteppichs oder den Farbtupfern auf der Leinwand eines Malers. Hält man die Nase dicht an das Kunstwerk, ist nicht viel zu erkennen. Tritt man zurück, ist die Szene deutlich und ehrfurchtgebietend. Wenn wir zurücktreten und sowohl auf die Weissagung als auch auf die Erfüllung achten, können wir mit dem Propheten Jesaja und dem Apostel Paulus sagen: „Denen nichts von ihm verkündigt worden ist, die sollen sehen, und die nichts gehört haben, sollen verstehen“ (Röm 15,21; Jes 52,15).

Eine weitere Weise, das prophetische Licht auszulöschen, besteht darin, das Neue Testament vom Alten her zu bestimmen statt umgekehrt. Wir wissen, dass eines unserer Augen das dominante ist. So verhält es sich auch mit der Schrift. Über das Bundesverhältnis, das Gott am Sinai mit Israel aufgerichtet hat, erklärt das Neue Testament: „Christus ist des Gesetzes Ende, zur Gerechtigkeit für jeden, der glaubt“ (Röm 10,4). Die Rechtfertigung der Sünder durch Gott aus Glauben ohne Werke ist der Kern der Sache. Die alttestamentliche Geschichte des treulosen Israel ist ein einziger gewaltiger Beweis dafür, dass Menschen ein Treuegelöbnis gegenüber Gott nicht halten können. Jesus kam nicht als neuer Gesetzgeber, um die Menschheit erneut unter das Joch zu zwingen. Vielmehr kam er als der einzige Mensch der ganzen Geschichte, der heilig sein und heilig bleiben konnte. Das tat er, damit Gott allen die Gerechtigkeit seines Sohnes als freies Geschenk zurechnen könne. Das prophetische Wort ist wie ein prachtvoller Rahmen um ein schönes Bild des Heilands. Es ist eine herrliche Fassung für das strahlende Juwel des vollkommenen Lebens Christi.

Die Schrift liefert selbst ein Bild dafür: Das Alte Testament ist ein Schatten, das Neue Testament die Wirklichkeit. Das sagt Paulus in Kolosser 2,17, wo er von den alttestamentlichen Zeremonialvorschriften spricht: „Das alles ist nur ein Schatten des Zukünftigen; der Leib aber ist Christus eigen.“2 Der Verfasser des Hebräerbriefs (10,1) behandelt die alttestamentlichen Blutopfer, wie Gott sie durch Mose geboten hatte. Das Gesetz mit solchen Opfern hat nur „den Schatten von den zukünftigen Gütern, nicht die Gestalt der Dinge selbst“.3

Die Wahrheit des Alten Testaments entfaltet sich im Neuen. Die Worte der Propheten sind Knospen. Die ganze Blüte ist bereits in der Knospe enthalten, doch die Wahrheit ist fest eingehüllt und teilweise verborgen. Ganz gesehen und gewürdigt wird sie erst, wenn die Blume aufblüht. Jesus ist die Blüte.

Noch eine weitere Weise, die Kraft des prophetischen Zeugnisses zu dämpfen, besteht darin, sich am Text zu vergreifen. Das Wort hat das letzte Wort. Der erste und der letzte Schreiber der Schrift, Mose (Dtn 4,2; 13,1) und Johannes (Offb 22,18f.), warnen feierlich davor, Gottes Wort anzutasten. Wir dürfen in der Botschaft der Propheten niemals etwas über Christus finden, das über das hinausgeht, was die Apostel klar verkündigen. Ebenso wenig dürfen wir den Propheten die ganze Weite inspirierter Einsicht absprechen, die sie auf Antrieb des Geistes in das Geheimnis Christi einbrachten.

Wie viel vom Alten Testament ist Prophetie? Alles? Das meiste? Teile davon? Nur jene Stellen, die im Neuen Testament ausdrücklich als Weissagung gekennzeichnet sind? Wie wir diese Frage beantworten, hat Folgen für die Auslegung.

Paulus sagt, die Hausgenossen Gottes seien „erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist“ (Eph 2,20). Damit lehrt Paulus, dass zwei Gruppen von Verfassern das Fundament unseres Glaubens gelegt haben. Die Apostel waren Zeugen. Doch das waren auch die Propheten. Die Apostel wussten, dass sich die Prophetie nicht auf die sechzehn Schriftpropheten (Jesaja bis Maleachi) beschränkte, die wir unwillkürlich mit Prophetie gleichsetzen. Der Hebräerbrief sagt: „Mose zwar war treu in Gottes ganzem Hause als Diener, zum Zeugnis für das, was später gesagt werden sollte“ (Hebr 3,5). Der Apostel Petrus erklärt: „Und alle Propheten von Samuel an und danach, wie viele auch geredet haben, die haben diese Tage verkündet. Ihr seid die Söhne der Propheten …“ (Apg 3,24f.). Über David sagt Petrus: „Da er nun ein Prophet war und wusste, dass ihm Gott geschworen hatte mit einem Eid, dass ein Nachkomme von ihm auf seinem Thron sitzen sollte, hat er vorausgesehen und von der Auferstehung des Christus gesagt …“ (Apg 2,30f.). Mose, Samuel und David sind passende Vertreter der Gottesmänner, die aus allen drei Teilen der Hebräischen Bibel sprechen: dem Gesetz, den Propheten und den Schriften.

Geht es zu weit zu sagen, dass das ganze Alte Testament Prophetie ist? Enthalten die neununddreißig Bücher des Alten Testaments nicht Geschichte, Lebensbeschreibungen, sittliche Unterweisung, Träume, Gespräche und vieles mehr? Ja, das tun sie. Dieses ganze menschliche Beiwerk nimmt die volle Menschheit Jesu vorweg, besonders jene nicht aufgezeichneten Einzelheiten, mit denen, wie der Apostel Johannes sagt, die ganze Welt mit Büchern gefüllt werden könnte (Joh 21,25). Wir halten fest: „In ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“ (Kol 2,9). Zudem glauben wir dem Apostel Paulus, wenn er sagt: „Ihr seid erfüllt durch ihn“ (Kol 2,10). Nein, es geht nicht zu weit zu sagen, dass jeder Teil der inspirierten Schrift in irgendeiner Weise auf Christus hinweist und dass wir uns durch Gottes Wort, Altes und Neues Testament, die verheißene Fülle aneignen dürfen, die wir nach Gottes Willen in Christus haben sollen. Wir haben diese Ermutigung: „Du aber bleibe bei dem, was du gelernt hast und was dir anvertraut ist; … die heiligen Schriften …, die dich unterweisen können zur Seligkeit durch den Glauben an Christus Jesus“ (2. Tim 3,14f.). Luther schrieb in seiner Auslegung von 2. Samuel 23,1–5:

Wir Christen haben den Sinn und Verstand der Bibel, weil wir das Neue Testament haben, das ist Jesus Christus, der im Alten Testament verheißen wurde, danach gekommen ist und das Licht und den rechten Verstand der Schrift mit sich gebracht hat … Denn das ist der Punkt, an dem alles liegt. Wer diesen Mann, der Jesus Christus heißt, Gottes Sohn, den wir Christen predigen, nicht recht und rein hat oder haben will, der lasse die Bibel zufrieden – das rate ich. Er wird gewiss zuschanden werden. Je mehr er studiert, desto blinder und törichter wird er, er sei Jude, Tatar, Türke, Christ oder wie er sich nennen will.4

Nicht jeder Teil des Alten Testaments muss in gleichem Maße prophetisch sein. Manches, was die Propheten sagen, wird wie ein Suchscheinwerfer hervorstechen. Anderes wirft nur einen schwachen Schatten. Die Beiträge der Propheten gleichen denen der Glieder, die die Kirche, den Leib Christi, bilden. Jedes Glied ist ein Teil des Leibes, doch nicht alle Glieder sind Augen oder Ohren. Manche Glieder erfüllen geringere, aber dennoch wichtige Aufgaben. Der Rahmen, in den das Alte Testament Christus stellt, hat viele Winkel. Die Fassung hat viele Seiten. Die Knospe hat viele Blütenblätter. Der Schatten hat viele Ränder.

Es ist stets weise, mit den Stellen zu beginnen, die das Neue Testament als Erfüllungen von Weissagungen ausweist. Sie sind die Suchscheinwerfer, die hervorstechen. Sie sind die Lichter, in deren Schein wir lernen, den Rest des Alten Testaments sorgfältig zu durchforschen. Die ausgewiesenen Weissagungen zeigen uns den Heiligen Geist als Ausleger am Werk. Eines wird uns sofort auffallen: Die meisten Zitate handeln von der Person und dem Werk Jesu. Manchmal erfassen wir den Zusammenhang zwischen Weissagung und Erfüllung auf Anhieb. Manchmal ist die Auslegung des Heiligen Geistes nicht die, die wir erwarten würden. Das unterstreicht, warum die Propheten ihre Weissagungen mit Fleiß durchforschen mussten.

Die im Neuen Testament angeführten Weissagungen berühren alle Seiten des Heilands: wer Jesus ist, wozu er kam, wo er erscheinen sollte, wann und wie Gottes Plan ausgeführt werden sollte und warum Jesus so wichtig ist. Einige Beispiele sollen das veranschaulichen. Nach David ist Jesus sowohl Gott der Herr (Ps 110,1; Mt 22,44) als auch wahrer Mensch (Ps 8,5–7; Hebr 2,6–8), und doch war er nach Jesaja ohne Sünde (53,9; 1. Petr 2,22). Das Wirken Jesu sollte in Galiläa stattfinden, wie Jesaja gesagt hatte (8,23; 9,1; Mt 4,15f.).5 Und doch sollte der Heiland nach Sacharja in Jerusalem erscheinen (13,7; Mt 26,31). Jesus kam, um die Menschen in den Wegen Gottes zu unterweisen (Ps 78,2; Mt 13,35), um die Gebrechen und Krankheiten der Menschen zu tragen (Jes 53,4; Mt 8,17) und um ihre Wunden zu heilen, wie Jesaja vorhergesagt hatte (53,5; 1. Petr 2,24). Nach Sacharja würden seine Jünger ihn verlassen (13,7; Mt 26,31) und ihn seinen Feinden überlassen, die ihn durchbohren würden (12,10; Joh 19,37). Er würde verflucht am Holz hängen (Dtn 21,23; Gal 3,13).6 Dennoch würde ihm kein Knochen zerbrochen werden (Ps 34,21; Joh 19,36),7 noch würde sein Leib im Grab verwesen (Ps 16,10; Apg 2,31). Vielmehr würde er in Herrlichkeit zur Rechten Gottes sitzen (Ps 110,1; Apg 2,34). Das Heil würde in den letzten Tagen offenbar werden, begleitet von einer Ausgießung des Heiligen Geistes (Joel 3,1–5; Apg 2,17–21). Der Geist wiederum würde nach Jesaja durch die Predigt ausgegossen werden (61,1f.; Lk 4,18f.). Und warum diese Ausgießung? „Von diesem bezeugen alle Propheten, dass durch seinen Namen alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfangen sollen“ (Apg 10,43).

Wenn wir das Studium der Weissagungen, die direkt auf Jesus bezogen werden, ausgeschöpft haben, treten wir an die Seite der Propheten, von denen es heißt: Sie „haben gesucht und geforscht … und haben geforscht, auf welche und was für eine Zeit der Geist Christi deutet, der in ihnen war“ (1. Petr 1,10f.). In einem kurzen Aufsatz kann nur eine Auswahl dessen geboten werden, was sich finden lässt. Wir folgen dabei den Worten des zweiten Artikels des Apostolischen Glaubensbekenntnisses. Er ist eine Zusammenfassung der apostolischen Lehre über Jesus. Neben die Worte und Wendungen des Glaubensbekenntnisses, die Jesus beschreiben, stellen wir jene alttestamentlichen Vorstellungen und Themen, die die volle Wahrheit der neutestamentlichen Botschaft vorwegnahmen.

Wir glauben an Jesus. Jesus ist der besondere Name, den Gott für Marias Sohn gewählt hat (Lk 1,31).8 Er bedeutet „der Herr rettet“. Das Alte Testament ist eine Kette von Rettungstaten des Herrn: Noah und seine Familie, in der Arche bewahrt (Gen 6–9); Jakobs Nachkommen, durch das Schilfmeer geführt (Ex 14); Israel, auf Adlerflügeln zum Berg Gottes getragen (Ex 19,4) und wie Schafe von einem Hirten ins Gelobte Land geleitet (Ps 78,52–55); Bileam, der Zauberer, in seinem Auftrag, Gottes Volk zu verfluchen, vereitelt (Num 22–24); Josua bei Ajalon, als die Sonne stillstand (Jos 10), und bei seinem Abschied, als er an Gottes frühere Rettungstaten erinnerte (Jos 24);9 Gideon, der bei More mit einer bloßen Handvoll Männer siegte (Ri 7); Samuel, der bei Eben-Eser Israels Geschick wendete (1. Sam 7); David, der Goliat niederstreckte (1. Sam 17); Ester an Purim; Daniel in der Löwengrube (Dan 6); und der Rest Israels, der in den Tagen Esras und Nehemias nach Zion zurückgebracht wurde.

Wir glauben an Jesus Christus. Christus bedeutet „Gesalbter“. Jesus war berufen, alles zu erfüllen, was die Gesalbten des Alten Testaments versuchten, woran sie aber scheiterten. Das Priestertum Aarons diente den geistlichen Bedürfnissen des Volkes Gottes in Silo fast 400 Jahre lang. Priester wurden gesalbt, um Opfer darzubringen (Hebr 5,1), um zwischen kultisch Reinem und Unreinem zu unterscheiden (Lev 10,10) und um das Volk zu lehren (Lev 10,11; Mal 2,7). Doch die Priester verfehlten Gottes Maßstab der Vollkommenheit. Die Priester waren Sünder, angefangen bei Aaron, der das goldene Kalb anfertigte (Ex 32,1–6), bis hin zu den Söhnen Elis, die das Heiligtum schändeten (1. Sam 2,12–17.22.25).10

Gott salbte Könige, damit sie das Volk weideten (2. Sam 5,2; 7,7) und Hüter der Wahrheit Gottes seien (Dtn 17,18–20). Manche wie David und Salomo dienten den geistlichen Bedürfnissen des Volkes, doch alle hatten tönerne Füße. Davids Sünde mit Batseba und sein Mord an Uria lösten eine Reihe von Aufständen aus, die das Gefüge des Reiches zerrissen. Bei aller Weisheit regierte Salomo nicht gut, als er die drei Verbote übertrat, die Mose (Dtn 7,25) und Josua (Jos 23,7.12) aufgestellt hatten: gegen Mischehen, gegen Bündnisse mit den Kanaanitern und gegen Götzendienst. Saul, Israels erster König, nahm sich das Leben (1. Sam 31,4). Zedekia, der letzte König Judas, wurde geblendet, nachdem er hatte mit ansehen müssen, wie die königlichen Nachkommen hingeschlachtet wurden, während Jerusalem und der Tempel in Trümmern schwelten (2. Kön 25,7).

Propheten wurden gesalbt, um die Wahrheit zu sagen, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit (1. Kön 17,24; 22,16). In der Spätzeit des Alten Testaments ragten die Propheten hervor. Sie predigten die Sünde und verkündigten die Gnade, um ein verdorbenes, götzendienerisches Israel davor zu bewahren, die Flüche des Gesetzes zu erleiden, die es so reichlich verdient hatte. Doch die Propheten hielten Israels Abgleiten ins Verderben nicht auf. Das Scheitern dieser und aller alttestamentlichen „Christusse“ erzog Israel zur Hoffnung auf einen besseren Christus, der kommen sollte.

Wir glauben an Jesus Christus, Gottes eingebornen Sohn … Im Namen Gottes sprach der Prophet Hosea: „Als Israel jung war, gewann ich ihn lieb und rief meinen Sohn aus Ägypten. Wie ich sie auch rief, liefen sie weg von mir“ (Hos 11,1f.). Der Herr erwählte Israel aus allen Völkern, um zu zeigen, dass er das Menschengeschlecht in seine Familie aufnehmen wollte. Durch den am Sinai geschlossenen Bund sonderte der himmlische Vater Israel als den Erstgeborenen unter allen Völkern aus (Ex 4,22; Jer 31,9).

Diese Wahrheit wurde in jeder Generation durch die Auslösung der Erstgeburt erneuert (Ex 13,11–13). Beim Auszug aus Ägypten wurden die Erstgeborenen der Stämme ausgelöst, indem für jeden Erstgeborenen ein Mann aus dem Stamm Levi ausgesondert wurde. Weil es nicht genügend Leviten gab, mussten einige Erstgeborene mit fünf Silberschekel ausgelöst werden (Num 3,11–13.41). Auch in den folgenden Generationen wurden die Erstgeborenen weiterhin mit Geld ausgelöst.11 Die Leviten blieben während des ganzen übrigen Alten Testaments der „Lösepreis“. Ihre besonderen Aufgaben waren, am Altar zu dienen, Opfer zu verbrennen und das Gesetz zu lehren (Dtn 33,8–10). „Erstgeborener“ ist auch eine Bezeichnung für den messianischen Erben des Throns Davids (Ps 89,28).

So stark der Gedanke der Erstgeburt im Alten Testament auch war – weder die Leviten noch die Israeliten konnten mehr tun, als Gottes einzigen, eingebornen Sohn vorwegzunehmen. Israel konnte die vollkommene Liebe eines Vaters nicht mit einer eigenen vollkommenen Liebe erwidern. Von Anfang an erwies sich Israel als verlorener Sohn. „Unsre Väter in Ägypten wollten deine Wunder nicht verstehen. Sie gedachten nicht an deine große Güte und waren ungehorsam am Meer, am Schilfmeer“ (Ps 106,7). Die ersten Kapitel des Richterbuchs berichten, wie sich Generation um Generation vom Glauben abwandte. Das Versagen des levitischen „Klerus“ in Israel wird in Richter 17 bis 19 hervorgehoben. Später entehrten zehn der Stämme ihr Erstgeburtsrecht, indem sie sich vor Kälbern beugten (1. Kön 12,28–30), wie es ihre Vorväter einst am Sinai getan hatten (Ex 32,4.8). Die Reiche Israel und Juda erwiesen sich als übermäßig religiös. Sie hatten Rituale, Opfer und Götter in Hülle und Fülle. Doch die Propheten verurteilen diese Religion, die von vielen Vätern gezeugt war. Sie hatte sich vom Bund des einen, einzigen Vaters entfernt. Ihr fehlte jede väterliche Liebe. Ja, je mehr der Vater seine Liebe über Israel ausgoss, desto weiter entfernte sich sein erwählter „Sohn“ von ihm. Das abtrünnige Israel machte unmissverständlich deutlich, dass sündige Menschen einen Bund mit Gott nicht halten können. Diese Unmöglichkeit ist das Thema der Anfangskapitel des Römerbriefs.

Jesus Christus, der eingeborne Sohn des Vaters, war der einzige Mensch, der das Gesetz vollkommen erfüllte (Hebr 4,15; Röm 5,17). Er war der wahre Erstgeborene (Röm 8,29) vor aller Schöpfung und aller Kreatur (Kol 1,15f.) sowie der Erstgeborene von den Toten (Offb 1,5). Durch sein Werk schafft Jesus die „Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel aufgeschrieben sind“ (Hebr 12,23). Matthäus (2,15) zeigt uns, wie der himmlische Vater seinen Erstgeborenen und Eingebornen aus Ägypten rief, so wie er einst Israel gerufen hatte. Dieser Sohn hatte Erfolg, wo Israel und die Leviten versagt hatten. Jesus war „ein Licht zur Erleuchtung der Heiden“ und „zum Preis deines Volkes Israel“ (Lk 2,32).

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Anmerkungen

1 Das Englische verwendet das Futur des Verbs, um Erwartetes auszudrücken. Die hebräische Grammatik tut das nicht. Das Hebräische arbeitet in seinem Verbalsystem mit den Kategorien der Gewissheit und der Ungewissheit. Von beiden ist die Gewissheit das bevorzugte Mittel, um Prophetie auszudrücken.

2 Das griechische σκιά, „Schatten“, ist das Bild, das durch die Unterbrechung des Lichts entsteht und die Umrisse ohne Einzelheiten wiedergibt, während das griechische σῶμα (Luther: „Leib“; im Sinne von „Wirklichkeit“) den physischen Körper bezeichnet.

3 Hier steht im Griechischen für die Wirklichkeit (Luther: „Gestalt“) εἰκών, das Bild selbst im Gegensatz zum bloßen Abbild.

4 Zitiert nach Oswald & Robbert, Luther as Interpreter of Scripture (Concordia, 1982), S. 121.

5 Jesaja kündigt an, dass das messianische Licht im Land Sebulon und Naftali, d. h. in Galiläa, erscheinen würde. Matthäus zitiert Jesaja, als Jesus von Nazareth (in Sebulon) nach Kapernaum (in Naftali) zieht.

6 Auch das Kreuz als Werkzeug des Heils statt der Schande ist geweissagt. Mose richtete in der Wüste eine eherne Schlange auf, um die Sterbenden zu retten (Num 21,8f.). Jesus bezieht dies auf die Gabe des ewigen Lebens, die durch seine Kreuzigung bewirkt wird (Joh 3,14f.).

7 Dem Passalamm durfte kein Knochen zerbrochen werden (Ex 12,46; Num 9,12).

8 In den Jahrhunderten vor der Geburt Jesu griff Gott ein, um Namen zu geben oder zu ändern, oft im Zusammenhang mit Schlüsselereignissen der Heilsgeschichte. Der Herr gab Abraham, „Vater vieler“ (Gen 17,5), Sara, „Fürstin [von Königen]“ (Gen 17,15), und Jakob, „der [mit Gott] kämpft und siegt“ (Gen 32,29), neue Namen. Die Namen vieler alttestamentlicher Gläubiger waren kurze Sätze, die ein Bekenntnis darstellten, z. B. Elia, „Mein Gott ist der Herr“. Ein Engel gab dem Vorläufer Jesu den Namen „Johannes“, das heißt „Gott ist gnädig“ (Lk 1,13.60).

9 In seiner Abschiedsrede fragte Josua Israel, ob es Gottes Bund halten wolle. Als sie Ja sagten, schärfte Josua ihnen ein, dass Gelingen nur durch Gottes Eingreifen kommen werde. Josua erinnerte an Abrahams Berufung aus dem Götzendienst, an Israels Rettung aus Ägypten, an die Vereitelung Bileams und an die Eroberung Kanaans.

10 Die Bibel stellt Führungsgestalten ehrlich dar – etwas, das die Herrscher fremder Länder im Altertum selten taten. Das Versagen der Führer Israels bildet einen gewollten Kontrast zum vollständigen Gelingen Jesu, des vollkommenen Gesalbten.

11 Nach der Mischna, Berakot viii, 8, geschah dies am 40. Tag nach der Geburt eines Knaben. Maria und Josef folgten wahrscheinlich diesem Brauch, als sie Jesus darstellten, Lk 2,27.